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Today's quote:

Monday, February 14, 2022

"Im Grunde genommen war es eigentlich Scheiße!"

 

6.10.2005

Lieber Peter,
ich merke das meine Zeit abgelaufen ist.
In der letzten Zeit hatten wir guten Kontakt und ich habe über viele Dinge nachgedacht.  Ich möchte Dir sagen, wie schade ich es finde das wir uns  lange nicht sehen konnten, und es auch nicht mehr werden. Vielleicht oder sehr wahrscheinlich werde ich bereits Tod sein, wenn Du diesen Brief liest.  Ich hätte nicht gedacht das meine letzten Tage so grausam sein werden.  Ich kann kaum noch etwas sehen, kann nicht mehr laufen und auch nicht mehr Essen, von Tag zu Tag werde ich dünner und schwächer.  Gerne hätte ich noch Padma kennengelernt, und gesehen wie Ihr lebt.  Für Euch wünsche ich alles Gute und Gesundheit für die Zukunft.  Durch Pfleger Marco, dem ich vertraue und guten Kontakt have lasse ich diesen Brief schreiben, da ich selber nicht mehr in der Lage dazu bin.  Rückblickend hatte ich ein gutes Leben, im Grunde genommen war es eigentlich Scheiße! Ich hätte gerne eine eigene Familie gehabt, und das habe ich gerade in den letzten Jahren sehr vermisst.  Ich hatte immer die Hoffnung dich noch einmal zu sehen.  Jetzt stirbt mit mir auch diese Hoffnung.  Es machte mich sehr glücklich das Du in dieser meiner schwarzen Zeit so für mich da warst, wenn es auch nur über Telefon oder Internet möglich war, so war es mir doch sehr wichtig.  Jeden Morgen wenn ich wach werde frage ich mich "warum" - warum muss ich diese Qualen ertragen.  Ich habe mit dem Pfleger und meinem Arzt gesprochen und werde mich jetzt sedieren lassen, das heisst ich werde mit Medikamenten  in ein Schlaf versetzt aus dem ich nicht mehr erwache. 

Ich denke an dich, vergiss mich nicht. 

Deine Schwester Bärbel.

 

Vor siebzehn Jahren starb meine älteste Schwester Bärbel, gerade 65 Jahre alt. In ihrem letzten Brief, geschrieben für sie bei ihrem Pfleger Marc Dörner, ermahnte sie mich "Ich denke an dich, vergiss mich nicht." Hab' ich auch nicht!

Ihr Pfleger schickte mir diesen Brief zusammen mit seiner eigenen Erkärung: "Sehr geehrter Herr Goermann, ihre Schwester bat mich den Brief den wir zusammen verfasst haben, erst nach ihrem Tod abzuschicken. In den letzten Wochen die sie bei uns war konnte sie sich leider nicht mehr adäquad ausdrücken. Ich habe viel mit ihrer Schwester über ihr Leben und auch über den Tod gesprochen, und ich hoffe das ich ihr ein wenig ihre große Angst vor dem Tod nehmen konnte. Ich habe ihr unzählige Male ihren Brief den sie etwa in November bekam vorgelesen, und wir haben die Augen geschlossen und uns vorgestellt nach Australien zu Reisen und bei ihnen zu sein, das hat ihrer Schwester sehr gefallen. Auch kurz vor ihrem Tod betreute ich ihre Schwester. Sie konnte nicht mehr sprechen dennoch hörte sie mit Aufmerksamkeit zu und drückte meine Hand, was mir die Gewissheit gab das sie genau versteht. Ich mochte ihre Schwester sehr, ihre Offenheit und direkte Art und auch oft ihre heitere Laune. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau alles Gute und grüße Sie ganz herzlichst aus Berlin. Marc Dörner"

Meine Schwester war fünf Jahre älter als ich, und hatte vielleicht noch mehr an der Scheidung unserer Eltern gelitten als ich. Vielleicht war es deshalb daß sie schrieb "Im Grunde genommen war es eigentlich Scheiße!" Man gab ihr Medikamente die sie in einen Schlaf versetzte aus dem sie nicht mehr erwachte.

Sie und meine andere ältere Schwester und mein älterer Bruder blieben alle in Deutschland hängen, während ich das Glück hatte mir weit weg vom Elend des Elternhauses in Australien ein neues Leben aufzubauen.

Ich weiß jetzt schon was am Ende meine letzten Worte sein werden: "Rückblickend, abgesehen von den sehr schweren Anfängen und den sehr vielen Problemen und der Ehescheidung von meiner wunderbaren birmesischen Frau die ich noch bis heute vermisse, im Grunde genommen war mein Leben eigentlich toll!" --- in English, of course!

 


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